Otto Brenner Blog
16.08.2011
10:53

„ … und unseren täglichen Talk gib uns heute!“ OBS-Studie analysiert die politischen TV-Talkshows

Am 11. September startet Günther Jauch mit seiner Talkshow in der ARD. Dann gibt es alleine im Ersten Programm fünf Talkrunden pro Woche. Diese drohende Inflation war Anlass für die Otto Brenner Stiftung, eine „Talkshow-Studie“ auf den Weg zu bringen. In der Studie werden Inszenierungsstrategien und redaktionelle Dramaturgien der TV-Polit-Talkshows kritisch untersucht. Die Ergebnisse werden zu „Handlungsempfehlungen“ verdichtet.

„Die Verbindlichkeit schwindet. Die Beliebigkeit wächst. Obwohl sich alle einzelnen Sendungen anstrengen werden, dem Zuschauer zu gefallen. (…) Am Ende könnte sich der Zuschauer selbst entwertet fühlen. Das ist die gravierendste psychologische Folge der Inflation“, kommentiert die Studie den Talkshow-Overlaod, der ab dem 11. September droht.

Bernd Gäbler, der Autor der Studie, hat alle relevanten politischen Talkshows ein Vierteljahr lang detailliert untersucht, die „Themencluster“ und Gästekonstellationen ausgewertet. Ergebnis: Verantwortliche aus der Wirtschaft gehen höchst selten in Talkshows, Politiker als früher dominante Gästegruppe sind abgelöst worden von Medienleuten, die völlig überrepräsentiert sind. „Nimm das Naheliegende“, so laute das Credo der Talkshow-Redaktionen bei der Rekrutierung ihrer Gäste. Schon das verzerre die tatsächlichen gesellschaftlichen Debatten. „Die Wiederholungsquote bei der Gästeschar ist auch deswegen so hoch, weil das Fernsehen sich immer sehr stark auf sich selbst rückbezieht“, schreibt der Autor, der von 2001 bis 2005 Chef des Adolf Grimme Instituts war, sich als Medienkritiker einen Namen gemacht hat und inzwischen als Dozent für Journalistik arbeitet.

Die Bedeutung der Talkshows für die politische Meinungsbildung werde überschätzt, im Fernsehen spiele sie als Instrument der Politikvermittlung eine zu große Rolle und verdränge zu Unrecht andere journalistische Formate, lauten weitere Befunde der Untersuchung. „Die Talkshows helfen, die Welt in klar abgeteilte Themengruppen und Segmente einzuteilen, sie so übersichtlicher zu machen und die Meinungslager zu sortieren. Sie sind ein Instrument der Popularisierung von Politik“, heißt es in der Studie. Doch das TV-Format zwinge die Macher dazu, das menschliche Gespräch, den Austausch von Gedanken und Ideen immer wieder zu reduzieren auf die Vorführung eines Rollenspiels mit festgefügten Charakteren. Die Form dominiere den Inhalt. Nicht die sachgerechte Aufbereitung eines Themas, sondern die fernsehgerechte, also vor allem unterhaltsame Inszenierung von Konfrontation und Konsens bestimme die Politikdarstellung...

Die gesamte Pressemitteilung ist in unserem Pressearchiv abrufbar.

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  • 2 Kommentare
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Gravatar: IchIch
03.09.2011
15:57
Interessant

Dieses Verhalten spiegelt sich nicht nur in Talkshows wider, sondern ist leider zu einem grundsätzlichen Verhalten in den Medien geworden. Es gibt eine sehr begrenzte Schaar von Experten aller Art, die als Medienkonform daherrendend eingestuft wurden und derer man sich bedient. Zum Thema X hat man denn, spekulieren wir, drei Experten und bei jedem Experten weiß man im Vorfeld was er zu dem Thema ins Mikrofon geben wird. Also wird die eigentliche Meinung zu dem Thema in der Redaktionskonferenz erzeugt, die entscheidet welchen Experten man befragt. Insgesamt entsteht für mich dadurch ein Art Mainstream, dem das Quere, das Andere völlig abhanden kommt. Beim Thema Talkshow vermisse ich ein Thema ganz besonders: Die Macht der Medien. Sobald auch nur ein Zirkuspferd etwas Verantwortung in Richtung Medien drückt, bekommt er reflexhaft von dem Moderator, der Moderatorin eine allgemeine "Jetzt sind wieder die Medien Schuld", "Wieder den Überbringer der Botschaft verantwortlich machen" Ohrfeige. Manchmal wird noch auf den Rundfunkrat verwiesen und das war es. Die Medien haben anscheinend Angst vor sich selbst.

Gravatar: Bernd GäblerBernd Gäbler
12.09.2011
11:27
Bernd Gäbler zu ersten ARD-Sendung „Günther Jauch“

Autor der Studie: „...und unseren täglichen Talk gib uns heute“ (Otto Brenner Stiftung) „Natürlich ist Günther Jauch ein Fernseh-Routinier, der beim Fragen die Tonlagen von sachlich bis betroffen beherrscht. So hat er sich auch in seiner ersten ARD-Talk- Sendung am Sonntagabend präsentiert: Solide und souverän, eher wie ein Simon Rolfes des Talk-Gewerbes, noch nicht als dessen eleganter Mehsut Özil. Bescheidener fällt die Bilanz aus, wenn wir uns fragen, was wir denn gelernt haben über den Terror, die USA und den Krieg in Afghanistan. Tiefgang war da nicht. Vieles wurde nur angerissen. Es gab zu wenig Analyse, zu wenig lebendigen Streit. Jauch hat keine Fehler gemacht, aber das hätten Frank Plasberg oder Anne Will auch hinbekommen. Sicher war es eine gute redaktionelle Idee, mit Marcy Borders, der „Dust Lady“ von 9/11 zu beginnen. Nicht rasend originell war dagegen, Peter Struck und Jürgen Todenhöfer als zentrale Kontrahenten zu präsentieren. Ihr Spiegel-Streitgespräch vom Juni 2009 ist noch nachzulesen; zwei Monate zuvor stritten sie bei Thomas Leif im SWR. Kundigere Kritiker der amerikanischen Politik als die überraschend zurückgenommen redende Elke Heidenreich wären denkbar gewesen. Originell war sicher, Jürgen Klinsmann einzuladen, der allerdings viel mehr als ein mitten aus dem US-Leben gegriffenes: „Der Amerikaner schaut immer nach vorn“ kaum beizutragen hatte. Günther Jauch ist ein Fuchs. Deswegen darf man auch unterstellen, dass die Einladung des Springer-Chefs Mathias Döpfner gleich in der ersten Sendung durchaus mit Hintergedanken an die BILD-Berichterstattung im Anschluss erfolgt ist. Nervig waren die Musikuntermalungen („Geboren um zu leben“) und Texte („heute kann sie wieder lachen“) bei den Einspielfilmen. Das war RTL-Manier und heißt dort „Emo-Schiene“. Das war Zuviel der Inszenierung. Für die Antwort auf die Frage, ob dieser Talk auf Dauer zu einem Mehr an Information führt oder zu noch mehr Show, ist es aber selbstverständlich zu früh.“

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