Otto Brenner Blog

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07.05.2012

OBS-Studie arbeitet „Bild“/Wulff-Affäre auf: neue Deutung der Mailbox-Affäre

Unter dem Titel „Bild und Wulff – Ziemlich beste Partner“ veröffentlicht die Otto Brenner Stiftung heute eine Studie, die ein Stück aktueller deutscher Zeitgeschichte aufarbeitet, ausleuchtet und neu deutet. Die übliche Darstellung der Mailbox-Affäre als Angriff auf die Pressefreiheit sei oberflächlich und irreführend, kritisieren die beiden Autoren Hans-Jürgen Arlt und Wolfgang Storz. Auf der Basis von 1.528 Meldungen des Online-Archivs von „bild.de“, in denen Christian Wulff zwischen den Jahren 2006 und 2012 thematisiert wird, kommen die Autoren zu folgendem Befund: Wulff habe davon ausgehen können und müssen, dass zwischen ihm und „Bild“ keine Beziehung zwischen Politiker und Journalisten, sondern vielmehr eine seit vielen Jahren erprobte Geschäftsbeziehung herrsche.

Die Studie unterscheidet bei ihrer Analyse drei Zeiträume: In der Jubel-Phase habe „Bild“ Wulff in allen Lebenslagen glorifiziert. Während der Wechseltage im Dezember 2011 sei „Bild“ eine Getriebene gewesen, die sich aus dieser Lage nur habe befreien können, „indem sie sich selbst als Treiber profiliert“. „‚Bild‘ steht in diesen Dezembertagen vor der Wahl, andere Medien aufdecken zu lassen, dass sie einen moralisch zweifelhaften Politiker über Jahre hinweg als Symbolfigur der Integrität und der Moralität hochgeschrieben hat – oder selbst als erste die Kreditaffäre zu veröffentlichen.“ In der dritten, der Wirbel-um-Wulff-Phase ab dem 13. Dezember 2011 habe „Bild“ mit mehr Distanz und mehr Vernunft berichtet als andere Medien, denn sie wäre – nach Einschätzung der Autoren – völlig unglaubwürdig geworden, hätte sie Wulff „aus dem Himmel direkt in die Hölle“ geschickt. „Bild“ habe mit gespielter Distanz so berichtet, als würde sie das Thema nur forcieren, weil andere Medien es ständig aufgriffen. Journalismus als Notwehr sei die Formel, mit der sich das Verhalten von „Bild“ in diesen Wochen überschreiben ließe. 

Die Raffinesse der Inszenierung, mit der „Bild“ im Fall Wulff agiert habe, suche ihresgleichen. Faktisch hätten die anderen Medien den „Bild“-Karren aus dem Dreck gezogen, indem sie den Mailbox-Anruf zu einem Angriff auf die Pressefreiheit hochgeschrieben hätten. In der öffentlichen Wahrnehmung der Wulff-Affäre bleibe dieser entscheidende Aspekt ausgeblendet, betonen die beiden Autoren: „Genau in der Zeit, in der Christian Wulff geschnorrt, möglicherweise das Parlament getäuscht und gegen das Ministergesetz verstoßen hat, hat ‚Bild‘ ihn in einer Endlosschleife als den wunderbarsten Menschen und erfolgreichsten Politiker gepriesen.“ Auf der öffentlichen Liste von Christian Wulffs engen Freunden habe regelmäßig ein besonders guter und prominenter gefehlt – eben „Bild“. Die übliche Deutung der Mailbox-Affäre als Angriff auf die Pressefreiheit zwinge die Interpreten, „Christian Wulff ein Maß an Ungeschicktheit und Dummheit zuzuweisen, die man gewöhnlich einem erfahrenen Bundespolitiker nicht unterstellen mag. In sein Verhalten waren so offenkundig von vornherein Wirkungslosigkeit und Scheitern eingebaut, dass es verwundert, warum nie nennenswert eine andere Erklärung versucht worden ist. Sehr viel plausibler ist die Annahme, dass Wulff zu Recht davon ausging, dass zwischen ihm und ‚Bild‘ keine Beziehung zwischen Politiker und Journalisten, sondern vielmehr eine seit vielen Jahren erprobte Geschäftsbeziehung zur Produktion von Aufmerksamkeit zu beiderseitigem Vorteil bestanden habe, die ‚Bild‘ jetzt einseitig und zum Schaden Wulffs aufkündigte.

Die Autoren Arlt und Storz analysieren sowohl die Vorderbühne, die „Bild“-Veröffentlichungen, als auch die Hinterbühne, beispielsweise die Beziehungen zwischen „Bild“- und Wulff-Mitarbeitern. Sie zeigen im Einzelnen auf, mit welchen Stilmitteln „Bild“ in der Jubel-Phase „positive Sensationen“ über Christian Wulff herstellte und mit welchen Methoden sie in der Wirbel-Phase einen distanziert-journalistischen Eindruck erweckte. Die generelle Strategie der „Bild“-Redaktion sei im Fall Wulff perfekt aufgegangen: Höchstmögliche öffentliche Aufmerksamkeit so zu erregen, dass „Bild“ selbst dabei am besten und prominentesten wegkommt.

Hans-Jürgen Arlt/Wolfgang Storz: „Bild und Wulff – Ziemlich beste Partner. Fallstudie über eine einseitig aufgelöste Geschäftsbeziehung“, AH 71 der OBS.

Kostenlose Bestellung und Download sowie weitere Infos und Reaktionen zur Studie unter: 

Fallstudie über eine einseitig aufgelöste Geschäftsbeziehung"" target="_blank" >www.otto-brenner-stiftung.de 

Details

04.07.2011

Wa(h)re Information - Interessant geht vor relevant

Studie zum „Informationsanteil im öffentlich-rechtlichen und privaten Fernsehen“)

In einem Forschungsprojekt der Otto Brenner Stiftung hat der Medienjournalist Fritz Wolf untersucht, wie viel Information und welche Art von Information in deutschen Fernsehprogrammen weitergegeben wird. Er hat dabei die Ergebnisse der Medienforschung ausgewertet und mit eigenen Programmbeobachtungen kombiniert. Die Studie erscheint jetzt in Kooperation mit „netzwerk recherche“.

Kürzlich hat RTL-Chef Gerhard Zeiler in einem Handelsblatt-Interview behauptet, RTL sende täglich fünf Stunden Nachrichten. Da hat er sich wahrscheinlich ein wenig vertan und eher „Information“ gemeint  - denn laut Programmstatistik bestehen 23,1 Prozent des Programms von RTL aus Information. Aber ist auch Information drin, wo Information draufsteht? 

Programmforschung in Deutschland ist zwar etabliert, aber zugleich geprägt von der Konkurrenz öffentlich-rechtlicher und privater Sendergruppen. Eine unabhängige ergänzende Programmbeobachtung wäre dringend nötig, die vor allem auch erfasst, wie es um die Informationsleistungen der öffentlich-rechtlichen Sender steht, wenn man sie an ihrem gesellschaftlichen Auftrag und nicht bloß an der kommerziellen Konkurrenz misst.

Wie sich zeigt, arbeiten die Sender mit unterschiedlichen Nachrichtenphilosophien und einem sehr unterschiedlichen Begriff von Information. Das hat praktische Folgen.  Vor allem bei den Sendern der ProSiebenSat.1-Gruppe sinken die Informationsanteile inzwischen drastisch. Die meisten privaten Sender erreichen in Sachen politischer Information nicht den Standard, den sie eigentlich erreichen müssten.

Mit den neuen Formaten des „Reality-TV“ sind Formate erfolgreich, die die Grenzen zwischen Information und Unterhaltung aufweichen. Um überhaupt sinnvolle Aussagen über Informationsprogramme machen zu können, so lautet eines der Ergebnisse der Studie, sollte daran festgehalten werden, was klassisch Information genannt wird: Information ist im Kern die Vermittlung politischer und gesellschaftlicher Sachverhalte, die die Zuschauer in die Lage versetzen sollen, sich eine politische Meinung zu bilden und auf dieser Grundlage als Staatsbürger zu agieren.

Auch die Informationsprogramme der öffentlich-rechtlichen Sender verändern sich. So hat etwa 2010 die Berichterstattung über Katastrophen zugenommen, die über Wirtschafts- und Finanzthemen dagegen wieder abgenommen. Auch in öffentlich-rechtlichen Sendern gehört die Primetime zu den informationsarmen Programmstrecken und auch hier nehmen Infotainment und Boulevard zu. Das ist eigentlich ein unhaltbarer Zustand und widerspricht dem öffentlich-rechtlichen Auftrag, so ein zentrales Ergebnis der Studie. ARD, ZDF und die Dritten sind besonders verantwortlich dafür, ihre Zuschauer zur Hauptsendezeit nicht allein der Zerstreuung zu überlassen.

Die Studie schlägt vor, dass ARD und ZDF ihren Informationsbegriff erweitern, nicht in Richtung Unterhaltung wie die privaten Sender, sondern in Richtung vielfältiger dokumentarischer Programme. Formen wie Dokumentation, Porträt oder Dokumentarfilm  können dem Akualitätshype, von dem die Sender getrieben sind, etwas entgegensetzen und müssen stärker berücksichtigt und stärker gewichtet werden.

Weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit haben inzwischen Sender wie RTL die umstrittenen „Scripted Reality“-Formate als Unterhaltung gekennzeichnet und nicht mehr als Information. Das mag man als kleinen Fortschritt werten. Das Problem, das zunehmende Teile des Fernsehprogramms sich die Realität nach ihren Programm- und Vermarktungsbedürfnissen zurichten, ist damit nicht erledigt. Transparenz und Selbstreflexion in den Informationsprogrammen werden jenseits aller Zahlen und Quoten immer wichtiger. Wie Information produziert wird, wo sie herkommt, welche Interessen dahinter stehen und unter welchen Bedingungen sie vermittelt wird, das ist für die Glaubwürdigkeit des Fernsehens von größter Bedeutung – der fast unkontrollierbare mediale Hype um EHEC ist dafür das jüngste und sicher nicht das letzte Beispiel.

Die Printfassung der Studie von Fritz Wolf: „Wa(h)re Information – Interessant geht vor relevant“ kann jetzt elektronisch bestellt werden.

Kritik an der Studie

Volker Herres, Programmdirektor Erstes Deutsches Fernsehen, weist die Behauptungen die in der Studie "Wa(h)re Information - Interessant geht vor relevant" der OBS und des netzwerk recherche aufgestellt werden, entschieden zurück." Die Pressemitteilung erschien am 07.07.2011 über www.presseportal.de

Die Otto Brenner Stiftung reagiert in folgender Pressemitteilung auf Herres Kritik.

15.06.2011

Stellungnahme zur Quandt-Preisverleihung an BILD

Stellungnahme zur Quandt-Preisverleihung an BILD


Die Johanna-Quandt-Stiftung hat kürzlich über die diesjährigen Preisträger des Herbert Quandt Medien-Preises 2011 informiert.

Der Preis wird am 22. Juni überreicht; zu den diesjährigen Preisträger gehören die BILD-Journalisten Nikolaus Blome und Paul Ronzheimer.

Sie werden für ihre Artikel-Serie "Geheimakte Griechenland" ausgezeichnet. Weitere Infos siehe: www.johanna-quandt-stiftung.de/index2.html

Bei der Otto Brenner Stiftung ist vor einigen Wochen eine Studie erschienen, die die BILD-Berichterstattung über die Griechenland- und Eurokrise 2010 untersucht hat.

Alle wichtigen Informationen rund um diese Studie finden sich unter: www.bild-studie.de

Auch die von der Quandt-Stiftung prämierte Herbstserie war Gegenstand der OBS-Untersuchung.

Die Darstellung und Deutung der Artikel-Serie finden Sie hier: http://ow.ly/5iwXk (Teil 5: Herbstserie "Wie Griechenland den Euro bekam")

Für die Autoren der BILD-Studie, Dr. Hans-Jürgen Arlt und Dr. Wolfgang Storz (siehe auch: www.bild-studie.de/autoren/), ist die Auszeichnung der Serie mit einem Journalistenpreis nicht nachvollziehbar.

Sie haben eine kritische Stellungnahme zu der Jury-Entscheidung verfasst und die OBS gebeten, diese Stellungnahme öffentlich zu machen.

Wir kommen dieser Bitte gerne nach und geben Ihnen die Kritik der beiden Autoren der OBS-Studie "Drucksache Bild - Eine Marke und ihre Mägde" an der Quandt-Entscheidung anbei zur Kenntnis. 

Die Otto Brenner Stiftung hat die Johanna-Quandt-Stiftung eingeladen, in einer gemeinsamen Veranstaltung die Diskussion über ihre Preis-Entscheidung und die Ergebnisse unserer Studie auch öffentlich weiterzuführen.

Jury-Mitglieder und prämierte BILD-Journalisten sollen mit den Autoren der OBS-Studie ihre unterschiedlichen Auffassungen austauschen können und sich dem kritischen Fachpublikum zu Fragen des Qualitätsjournalismus stellen.

06.04.2011

Drucksache „Bild“ – Fehlanzeige Journalismus

Studie der Otto Brenner Stiftung analysiert Machart und Erfolg der „Bild“-Zeitung

„Bild“ ist ein Boulevardmedium, das täglich großes Geschrei und viel Gedöns um sich selbst macht, aber kaum Journalismus. Deshalb kann derjenige, der „Bild“ nur anhand journalistischer Kriterien untersucht, weder ihre Machart verstehen, noch ihren Erfolg erklären.

An die Stelle des Journalismus, der mit seiner Arbeit der Information, der Orientierung und Kommentierung von gesellschaftlich Bedeutsamen sein Publikum erreichen will, setzt „Bild“ Methoden der Werbung, der Unterhaltung, der Kampagnenkommunikation und des Marketings. So lautet das zentrale Ergebnis einer neuen „Bild“-Studie, die bei der Otto Brenner Stiftung erschienen ist. „Bild“ folgt einer Logik, die darauf zielt, ein Catch-all-Medium herzustellen, das möglichst viel Publikum fängt und fesselt – von diesem Ziel leiten sich Themenwahl und Machart ab. Dieses Leitbild verfolgen Verlag, Herausgeber und Chefredaktion mit aller Konsequenz. Das fängt bei dem immer noch niedrigen Preis an, geht mit einem ausgefeilten Vertriebssystem weiter und gipfelt darin, dass Themen, Sprache, Bilder und Layout rücksichtslos als Stimulationsmittel und Reizwerte eingesetzt werden.

Am Beispiel der „Bild“-Berichterstattung über die Griechenland- und Eurokrise des Jahres 2010 zeigen die beiden Autoren Hans-Jürgen Arlt und Wolfgang Storz mit einer empirischen Untersuchung im Detail auf, wie die „Bild“-Mannschaft Themen und Ereignisse als eine Knetmasse behandelt für ihre publizistischen, wirtschaftlichen und politischen Zwecke.

Die Autoren laden zu einem Wechsel der Perspektive auf die „Bild“-Zeitung ein. Sie kommen zu dem Schluß, dass das Erfolgsgeheimnis von „Bild“ darin liegt, dass sie kein journalistisches Produkt ist. „Bild“ schöpft den „Kessel Buntes“ der Massenkommunikation bis zur Neige aus. Sie profitiert davon, die Grenzen zu überschreiten, die andere einhalten. Wie der Dieb das Eigentum so braucht „Bild“, um sich zu profilieren, andere Medien-Akteure, die das journalistische Handwerk pflegen. Auch die Grenze zwischen massenmedialer Veröffentlichung und ökonomischem Produkt löst „Bild“ konsequent auf. Veröffentlichung und Handels-Geschäft treiben im Hause „Bild“ ein offenes Wechselspiel. Die Distanz liegt nahe null: Volksbibel, Volkspizza und Volksmeinung werden auf dieselbe Weise vermarktet.

Aufmerksamkeit und Wirksamkeit gewinnt „Bild“ nicht nur mit ihrer aufreizenden Machart und ihrer offensiven Selbstvermarktung, sondern auch aufgrund ihrer Inszenierung als „Volksstimme“. Der virtuelle nationale Stammtisch, an den „Bild“ täglich einlädt, ist eine Selbstinszenierung, die nur solange existiert, wie ihr bereitwillig Glauben geschenkt wird.

„Der Versuch der „Bild“-Zeitung, sich selbst an die Stelle der öffentlichen Meinung zu setzen und als Sprachrohr des politischen Mainstreams aufzutreten, ist in den letzten Jahren ungenierter geworden. Der Selbstverständlichkeit, mit der „Bild“ in Deutschland die Rolle des massenmedialen Platzhirsches einnimmt, muss widersprochen werden“, schreibt die Otto Brenner in ihrem Vorwort zur Studie. Der empirische Befund, dass es sich bei „Bild“ im Kern um kein journalistisches Produkt handelt, lädt zu einer Debatte ein mit dem Ziel, Grenzen neu zu ziehen: wo hört Journalismus auf, wo fangen andere Gattungen öffentlicher Kommunikation an. 

„Erweiterungen und Vertiefungen“, Teil IV der Studie, mit wichtigen Befunden der empirischen Untersuchung steht „nur“ online zur Verfügung. Dort findet sich auch ein Interview der Autoren mit Günter Wallraff.

Zur offiziellen Internetseite der Studie

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