Unter dem Titel „Bild und Wulff – Ziemlich beste Partner“ veröffentlicht die Otto Brenner Stiftung heute eine Studie, die ein Stück aktueller deutscher Zeitgeschichte aufarbeitet, ausleuchtet und neu deutet. Die übliche Darstellung der Mailbox-Affäre als Angriff auf die Pressefreiheit sei oberflächlich und irreführend, kritisieren die beiden Autoren Hans-Jürgen Arlt und Wolfgang Storz. Auf der Basis von 1.528 Meldungen des Online-Archivs von „bild.de“, in denen Christian Wulff zwischen den Jahren 2006 und 2012 thematisiert wird, kommen die Autoren zu folgendem Befund: Wulff habe davon ausgehen können und müssen, dass zwischen ihm und „Bild“ keine Beziehung zwischen Politiker und Journalisten, sondern vielmehr eine seit vielen Jahren erprobte Geschäftsbeziehung herrsche.
Die Studie unterscheidet bei ihrer Analyse drei Zeiträume: In der Jubel-Phase habe „Bild“ Wulff in allen Lebenslagen glorifiziert. Während der Wechseltage im Dezember 2011 sei „Bild“ eine Getriebene gewesen, die sich aus dieser Lage nur habe befreien können, „indem sie sich selbst als Treiber profiliert“. „‚Bild‘ steht in diesen Dezembertagen vor der Wahl, andere Medien aufdecken zu lassen, dass sie einen moralisch zweifelhaften Politiker über Jahre hinweg als Symbolfigur der Integrität und der Moralität hochgeschrieben hat – oder selbst als erste die Kreditaffäre zu veröffentlichen.“ In der dritten, der Wirbel-um-Wulff-Phase ab dem 13. Dezember 2011 habe „Bild“ mit mehr Distanz und mehr Vernunft berichtet als andere Medien, denn sie wäre – nach Einschätzung der Autoren – völlig unglaubwürdig geworden, hätte sie Wulff „aus dem Himmel direkt in die Hölle“ geschickt. „Bild“ habe mit gespielter Distanz so berichtet, als würde sie das Thema nur forcieren, weil andere Medien es ständig aufgriffen. Journalismus als Notwehr sei die Formel, mit der sich das Verhalten von „Bild“ in diesen Wochen überschreiben ließe.
Die Raffinesse der Inszenierung, mit der „Bild“ im Fall Wulff agiert habe, suche ihresgleichen. Faktisch hätten die anderen Medien den „Bild“-Karren aus dem Dreck gezogen, indem sie den Mailbox-Anruf zu einem Angriff auf die Pressefreiheit hochgeschrieben hätten. In der öffentlichen Wahrnehmung der Wulff-Affäre bleibe dieser entscheidende Aspekt ausgeblendet, betonen die beiden Autoren: „Genau in der Zeit, in der Christian Wulff geschnorrt, möglicherweise das Parlament getäuscht und gegen das Ministergesetz verstoßen hat, hat ‚Bild‘ ihn in einer Endlosschleife als den wunderbarsten Menschen und erfolgreichsten Politiker gepriesen.“ Auf der öffentlichen Liste von Christian Wulffs engen Freunden habe regelmäßig ein besonders guter und prominenter gefehlt – eben „Bild“. Die übliche Deutung der Mailbox-Affäre als Angriff auf die Pressefreiheit zwinge die Interpreten, „Christian Wulff ein Maß an Ungeschicktheit und Dummheit zuzuweisen, die man gewöhnlich einem erfahrenen Bundespolitiker nicht unterstellen mag. In sein Verhalten waren so offenkundig von vornherein Wirkungslosigkeit und Scheitern eingebaut, dass es verwundert, warum nie nennenswert eine andere Erklärung versucht worden ist. Sehr viel plausibler ist die Annahme, dass Wulff zu Recht davon ausging, dass zwischen ihm und ‚Bild‘ keine Beziehung zwischen Politiker und Journalisten, sondern vielmehr eine seit vielen Jahren erprobte Geschäftsbeziehung zur Produktion von Aufmerksamkeit zu beiderseitigem Vorteil bestanden habe, die ‚Bild‘ jetzt einseitig und zum Schaden Wulffs aufkündigte.
Die Autoren Arlt und Storz analysieren sowohl die Vorderbühne, die „Bild“-Veröffentlichungen, als auch die Hinterbühne, beispielsweise die Beziehungen zwischen „Bild“- und Wulff-Mitarbeitern. Sie zeigen im Einzelnen auf, mit welchen Stilmitteln „Bild“ in der Jubel-Phase „positive Sensationen“ über Christian Wulff herstellte und mit welchen Methoden sie in der Wirbel-Phase einen distanziert-journalistischen Eindruck erweckte. Die generelle Strategie der „Bild“-Redaktion sei im Fall Wulff perfekt aufgegangen: Höchstmögliche öffentliche Aufmerksamkeit so zu erregen, dass „Bild“ selbst dabei am besten und prominentesten wegkommt.
Hans-Jürgen Arlt/Wolfgang Storz: „Bild und Wulff – Ziemlich beste Partner. Fallstudie über eine einseitig aufgelöste Geschäftsbeziehung“, AH 71 der OBS.
Kostenlose Bestellung und Download sowie weitere Infos und Reaktionen zur Studie unter:
Fallstudie über eine einseitig aufgelöste Geschäftsbeziehung"" target="_blank" >www.otto-brenner-stiftung.de
Otto Brenner Stiftung zeichnet hervorragenden Recherche-Journalismus aus
„Otto Brenner Preis für kritischen Journalismus“ geht 2011 an die Autoren Volker ter Haseborg und Lars-Marten Nagel („Hamburger Abendblatt“)
+++ Jury ehrt Katja Thimm („Der Spiegel“) mit dem „Spezial“-Preis +++ Bundestagspräsident Norbert Lammert ist am 22. November Festredner +++
Den mit 10.000 Euro dotierten 1. Preis der Otto Brenner Stiftung erhält das Autorenduo Volker ter Haseborg und Lars-Marten Nagel für ihre Berichterstattung über die Wohnungsgesellschaft Gagfah. Die intensiv recherchierten Beiträge der Autoren, die zwischen April und Juli im „Hamburger Abendblatt“ erschienen sind, analysieren, wie ein amerikanischer Hedgefonds aus ehemals staatlichem Immobilienbesitz größtmögliche Profite herausschlägt – auf Kosten der Bewohner. Die Autoren zeichnen den verschlungenen Weg der Millionengewinne nach, die aus der Misere vor Ort geschöpft werden. Sie kritisieren die Hilflosigkeit der Politiker, spüren dem Insiderhandel der Konzernmanager nach und geben Hinweise, wie sich Mieter gegen den Raubbau wehren können. „Die Artikelserie ist ein Vorbild für engagierten Journalismus, der aufklären und bewegen will“, begründet die Jury ihre Wahl und unterstreicht, dass die Autoren „Kopf und Herz des Lesers“ ansprechen.
Mit dem 2. Preis (Preisgeld 5.000 Euro) werden außerordentliche und spektakuläre Recherchen zur Affäre der HSH Nordbank ausgezeichnet. In einer Serie von Artikeln, die im „Spiegel“ erschienen sind, wurde u.a. aufgedeckt, dass die staatseigene Bank für ein Millionen-Honorar eine Privatdetektei angeheuert hat, um Vorstandsmitglieder überwachen zu lassen. Manager wurden nach fingierten „Beweisen“ fristlos entlassen – später musste die Bank auf Kosten des Steuerzahlers millionenschwere Entschädigungen an die Opfer zahlen. Diesem „Abgrund aus Unmoral und Hybris“ haben die „Spiegel“-Redakteure Jürgen Dahlkamp, Gunther Latsch und Jörg Schmitt nach Einschätzung der Jury „mit größter Hartnäckigkeit nachgespürt“. Nach Auffassung der Jury ist die Artikelserie über die ungeheuerlichen Vorgänge bei der HSH Nordbank „bester Recherche-Journalismus, wie er dringend gebraucht wird“.
Mit dem 3. Preis (Preisgeld 3.000 Euro) wird Ursel Sieber ausgezeichnet. Ihr Buch „Gesunder Zweifel“ ist nach Meinung der Jury „meisterhaft recherchiert“. In dem Buch geht es u.a. um den Einsatz des leidenschaftlichen Arztes Peter Sawicki gegen die Selbstbedienungspraktiken der Medizinindustrie. Ursel Sieber, so die Jury-Begründung, „leistet vorbildliche Aufklärung über die dunkle Seite der Lobby-Macht im deutschen Gesundheitswesen“.
Gewinnerin des „Spezial“-Preises ist Katja Thimm. Ihr prämierter Beitrag „Vaters Zeit“ verbindet die Schwierigkeiten, die sie bei der Pflege ihres Vaters erlebt hat, mit den Erfahrungen, die die Generation der Kriegskinder traumatisiert hat. Für die Jury ist ihr Beitrag nicht nur „ein journalistisches Gemälde all dieser Nöte“, sondern ein „Kunstwerk“. Sie schreibe „zart, leidenschaftlich und präzise, empfindsam und sachlich“. Der Text, erschienen im „Spiegel“, ist für die Jury „ein wunderbares Beispiel für die Poetik des Journalismus“. Der Preis ist mit 10.000 Euro dotiert.
Mit dem „Newcomerpreis“, der auf besondere Nachwuchstalente aufmerksam machen will, wird Jonathan Stock ausgezeichnet. Dass es ihm gelungen ist, den misstrauischen Dschihadisten „Peter“ zu Gesprächen mit einem Journalisten zu bewegen, ist für die Jury schon „eine große Leistung“. In „Peters Traum“, erschienen in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, zeichnet Stock mit „literarischer Eleganz und journalistischer Präzision“ das Bild eines deutschen Konvertiten. Die Jury lobt die „erstklassige Dolmetscherleistung“, die dem Newcomer gelungen ist. „Erst recht die inhaltliche und stilistische Formvollendung“, mit der der 28-Jährige Jonathan Stock ein Porträt geschrieben hat, „ist aller Ehren wert“, urteilt die Jury über einen Newcomer, „von dem man noch vieles hören wird“. Der Preis ist mit 2.000 Euro dotiert.
Einmal im Jahr zeichnet die OBS auch innovative und wegweisende Medienprojekte aus. 2011 geht der „Medienprojektpreis“, dotiert mit 2.000 Euro, an Sebastian Pantel für seine Artikelserie über „Jugend und Kriminalität“. Die Serie, die im „Südkurier“ erschienen ist, „schürft tief und rüttelt auf“, begründet die Jury ihre Entscheidung. Sie widerlege gängige Vorurteile und zeige Wege auf, wie mit Jugendkriminalität besser als bisher umgegangen werden könne. Für die Jury ist die Serie „ein systemrelevantes Medienprojekt von herausragender Qualität“. Sebastian Pantel, so die Jury, habe ein „Spitzenprodukt journalistischer Aufklärung“ geschrieben und zusammengestellt.
In Kooperation mit „Netzwerk Recherche“ (www.netzwerkrecherche.de) werden von der Otto Brenner Stiftung zusätzlich mit jeweils 5.000 Euro dotierte Recherche-Stipendien vergeben. Mit den Stipendien soll den Preisträgern die Möglichkeit gegeben werden, frei von ökonomischen Zwängen und mit professioneller Begleitung von erfahrenen „Mentoren“ ihre Projektthemen recherchieren zu können. 2011 hat die Jury vier Stipendien vergeben. Um den Erfolg ihrer investigativen Recherchen nicht zu gefährden, werden zwei Preisträger mit ihren Themen erst nach Abschluss der Arbeiten öffentlich gemacht.
Die beiden anderen Stipendien gehen an Urs Spindler, der sich mit der Eulex-Mission im Kosovo beschäftigt, und an Matthias Dell, der der Frage nachgeht, ob in der rechtskonservativen Tea-Party-Protestbewegung in den USA ein Muster zu erkennen ist, das auch auf Deutschland übergreifen könnte.
Mitglieder der Jury des Otto Brenner Preises sind Sonia Seymour Mikich (Monitor, WDR), Harald Schumann (Der Tagesspiegel), Prof. Dr. Volker Lilienthal (Rudolf-Augstein-Stiftungsprofessur für Qualitätsjournalismus, Uni Hamburg), Prof. Dr. Thomas Leif (SWR-Chefreporter und Moderator von „2+Leif“) und Prof. Dr. Heribert Prantl (Süddeutsche Zeitung) sowie Berthold Huber (Verwaltungsratsvorsitzender der Otto Brenner Stiftung).
Die Otto Brenner Stiftung verleiht 2011 zum siebten Mal den „Otto Brenner Preis für kritischen Journalismus“. Prämiert werden journalistische Arbeiten, die das Motto der Ausschreibung „Gründliche Recherchen statt bestellter Wahrheiten“ herausragend umgesetzt haben. Aus 546 Bewerbungen wählte die Jury am 28. September die Preisträger in fünf Kategorien. Das Preisgeld beträgt in diesem Jahr insgesamt 52.000 Euro.
Die Preisverleihung findet am 22. November in Berlin statt (Hotel Pullmann Berlin, Schweizerhof, Budapester Straße 25, 10787 Berlin, Beginn: 17:00 Uhr). Festredner ist Prof. Dr. Norbert Lammert, Bundestagspräsident.
Informationen zu den prämierten Beiträgen und den diesjährigen Preisträgern haben wir in einer Pressemappe zusammengestellt: www.otto-brenner-preis.de. Auf unserer Internetseite besteht für Pressevertreter auch noch die Möglichkeit, sich bis zum 18. November für die Preisverleihung anzumelden.
Die Preisverleihung verbinden wir erstmals mit einer medienpolitischen Tagung der OBS. Unter dem Titel „Einsame Rufer oder zahnlose Tiger?“ diskutieren wir das „Wirken und Versagen der Medienkritik“. Die Tagung beginnt am 22. November um 14:15 Uhr (mehr Informationen unter www.otto-brenner-stiftung.de)
Kontakt und Nachfragen:
Jupp Legrand
- Geschäftsführung –
Otto Brenner Stiftung
Wilhelm-Leuschner-Straße 79
60329 Frankfurt am Main
Tel. 069 / 6693-2810
Und es gibt ihn doch, den Klebeeffekt bei der Leiharbeit. Seine Anfangsfestigkeit ist zwar gering aber die Trocknungszeit kurz und die Lebensdauer lang. Glücklich sind die Klebenden darüber nicht, wie unsere neue Studie zeigt. Denn wer einmal klebt, der klebt lange, in der Leiharbeit wohlgemerkt.
Der Sozialwissenschaftlerin Dr. Sandra Siebenhüter gelingt es in der Studie "Integrationshemmnis Leiharbeit" in das Blackbox-System Leiharbeit hineinzuleuchten. Dafür hat sie einen qualitativen Ansatz gewählt und sich aufwändiger, investigativer Methoden bedient. Zu Tage tritt dabei allerlei Übel, der zum Alltag des Leiharbeiterdaseins gehört. Alles sehr zum Ärger der Verleiher, die mit dieser atypischen "flexiblen" (dt. belastenden) Beschäftigung beträchtliche Gewinne lukrieren.
Quasi mit dem Erscheinen der Studie fliegen die ersten Platzpatronen durch die Luft. Als erster jagt der Bundesverband der Personaldienstleister (BAP) eine ebenso pressante wie skurrile Pressemitteilung in den Orbit. Wahrscheinlich nur mit dem Titel der Studie im Ohr, berief man eilig ein Krisenmeeting. Dann Brainstorming. Gegen was auch immer hat sich am Ende der "Integrationshebel" durchgesetzt, womit Leiharbeit gemeint sein soll. Die Suche nach irgendeiner Alliteration war offensichtlich wichtiger als die inhaltliche Befassung mit der Studie. Vorwürfe, die in der Studie gar nicht erhoben werden, werden unsinnigerweise zurückgewiesen. Der Studie, die großen Wert darauf legt keinen repräsentativen Anspruch zu haben, wird vorgeworfen, sie sei nicht repräsentativ. Von Einzelfällen könne man nicht auf die gesamte Branche schließen, so die Argumentation. Dieser Dialektik folgend könne man auch von einer Million Einzelfällen nicht auf die gesamte Branche schließen. Ein Witz dann, dass dann ausgerechnet am Einzelfall die angeblichen Vorteile der Leiharbeit bezeugt werden.
Etwas pfiffiger reagierte der Interessenverband Deutscher Zeitarbeitsunternehmen e.V. (iGZ), der immerhin auf die Probleme bei der Zeitarbeit einging. Deren Kommunikationsabteilung entschied sich gegen Dementis von Vorwürfen die in der Studie nicht erhoben werden, und für semantische Kniffs, die der Studie klandestin ihre Legitimität abzusprechen versuchen. Demnach basiere die Studie auf Schätzungen, obwohl sie tatsächlich auf Interviews basiert. Und überhaupt sei die Autorin nur auf schwarze Schafe der Branche gestoßen. Schließlich weißt die iGZ noch darauf hin, dass sie ethischen Grundsätzen für die Leiharbeit arbeite. Da muss nun jeder selber für sich entscheiden, ob der größere Skandal der ist, dass es noch nicht mal ethische Grundsatz gibt oder dass sie überhaupt benötigt werden.
Die Reaktionen des BAP und des IGZ finden Sie auf unserer Übersichtsseite zur Studie
Am 11. September startet Günther Jauch mit seiner Talkshow in der ARD. Dann gibt es alleine im Ersten Programm fünf Talkrunden pro Woche. Diese drohende Inflation war Anlass für die Otto Brenner Stiftung, eine „Talkshow-Studie“ auf den Weg zu bringen. In der Studie werden Inszenierungsstrategien und redaktionelle Dramaturgien der TV-Polit-Talkshows kritisch untersucht. Die Ergebnisse werden zu „Handlungsempfehlungen“ verdichtet.
„Die Verbindlichkeit schwindet. Die Beliebigkeit wächst. Obwohl sich alle einzelnen Sendungen anstrengen werden, dem Zuschauer zu gefallen. (…) Am Ende könnte sich der Zuschauer selbst entwertet fühlen. Das ist die gravierendste psychologische Folge der Inflation“, kommentiert die Studie den Talkshow-Overlaod, der ab dem 11. September droht.
Bernd Gäbler, der Autor der Studie, hat alle relevanten politischen Talkshows ein Vierteljahr lang detailliert untersucht, die „Themencluster“ und Gästekonstellationen ausgewertet. Ergebnis: Verantwortliche aus der Wirtschaft gehen höchst selten in Talkshows, Politiker als früher dominante Gästegruppe sind abgelöst worden von Medienleuten, die völlig überrepräsentiert sind. „Nimm das Naheliegende“, so laute das Credo der Talkshow-Redaktionen bei der Rekrutierung ihrer Gäste. Schon das verzerre die tatsächlichen gesellschaftlichen Debatten. „Die Wiederholungsquote bei der Gästeschar ist auch deswegen so hoch, weil das Fernsehen sich immer sehr stark auf sich selbst rückbezieht“, schreibt der Autor, der von 2001 bis 2005 Chef des Adolf Grimme Instituts war, sich als Medienkritiker einen Namen gemacht hat und inzwischen als Dozent für Journalistik arbeitet.
Die Bedeutung der Talkshows für die politische Meinungsbildung werde überschätzt, im Fernsehen spiele sie als Instrument der Politikvermittlung eine zu große Rolle und verdränge zu Unrecht andere journalistische Formate, lauten weitere Befunde der Untersuchung. „Die Talkshows helfen, die Welt in klar abgeteilte Themengruppen und Segmente einzuteilen, sie so übersichtlicher zu machen und die Meinungslager zu sortieren. Sie sind ein Instrument der Popularisierung von Politik“, heißt es in der Studie. Doch das TV-Format zwinge die Macher dazu, das menschliche Gespräch, den Austausch von Gedanken und Ideen immer wieder zu reduzieren auf die Vorführung eines Rollenspiels mit festgefügten Charakteren. Die Form dominiere den Inhalt. Nicht die sachgerechte Aufbereitung eines Themas, sondern die fernsehgerechte, also vor allem unterhaltsame Inszenierung von Konfrontation und Konsens bestimme die Politikdarstellung...
Die gesamte Pressemitteilung ist in unserem Pressearchiv abrufbar.
In einem Forschungsprojekt der Otto Brenner Stiftung hat der Medienjournalist Fritz Wolf untersucht, wie viel Information und welche Art von Information in deutschen Fernsehprogrammen weitergegeben wird. Er hat dabei die Ergebnisse der Medienforschung ausgewertet und mit eigenen Programmbeobachtungen kombiniert. Die Studie erscheint jetzt in Kooperation mit „netzwerk recherche“.
Kürzlich hat RTL-Chef Gerhard Zeiler in einem Handelsblatt-Interview behauptet, RTL sende täglich fünf Stunden Nachrichten. Da hat er sich wahrscheinlich ein wenig vertan und eher „Information“ gemeint - denn laut Programmstatistik bestehen 23,1 Prozent des Programms von RTL aus Information. Aber ist auch Information drin, wo Information draufsteht?
Programmforschung in Deutschland ist zwar etabliert, aber zugleich geprägt von der Konkurrenz öffentlich-rechtlicher und privater Sendergruppen. Eine unabhängige ergänzende Programmbeobachtung wäre dringend nötig, die vor allem auch erfasst, wie es um die Informationsleistungen der öffentlich-rechtlichen Sender steht, wenn man sie an ihrem gesellschaftlichen Auftrag und nicht bloß an der kommerziellen Konkurrenz misst.
Wie sich zeigt, arbeiten die Sender mit unterschiedlichen Nachrichtenphilosophien und einem sehr unterschiedlichen Begriff von Information. Das hat praktische Folgen. Vor allem bei den Sendern der ProSiebenSat.1-Gruppe sinken die Informationsanteile inzwischen drastisch. Die meisten privaten Sender erreichen in Sachen politischer Information nicht den Standard, den sie eigentlich erreichen müssten.
Mit den neuen Formaten des „Reality-TV“ sind Formate erfolgreich, die die Grenzen zwischen Information und Unterhaltung aufweichen. Um überhaupt sinnvolle Aussagen über Informationsprogramme machen zu können, so lautet eines der Ergebnisse der Studie, sollte daran festgehalten werden, was klassisch Information genannt wird: Information ist im Kern die Vermittlung politischer und gesellschaftlicher Sachverhalte, die die Zuschauer in die Lage versetzen sollen, sich eine politische Meinung zu bilden und auf dieser Grundlage als Staatsbürger zu agieren.
Auch die Informationsprogramme der öffentlich-rechtlichen Sender verändern sich. So hat etwa 2010 die Berichterstattung über Katastrophen zugenommen, die über Wirtschafts- und Finanzthemen dagegen wieder abgenommen. Auch in öffentlich-rechtlichen Sendern gehört die Primetime zu den informationsarmen Programmstrecken und auch hier nehmen Infotainment und Boulevard zu. Das ist eigentlich ein unhaltbarer Zustand und widerspricht dem öffentlich-rechtlichen Auftrag, so ein zentrales Ergebnis der Studie. ARD, ZDF und die Dritten sind besonders verantwortlich dafür, ihre Zuschauer zur Hauptsendezeit nicht allein der Zerstreuung zu überlassen.
Die Studie schlägt vor, dass ARD und ZDF ihren Informationsbegriff erweitern, nicht in Richtung Unterhaltung wie die privaten Sender, sondern in Richtung vielfältiger dokumentarischer Programme. Formen wie Dokumentation, Porträt oder Dokumentarfilm können dem Akualitätshype, von dem die Sender getrieben sind, etwas entgegensetzen und müssen stärker berücksichtigt und stärker gewichtet werden.
Weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit haben inzwischen Sender wie RTL die umstrittenen „Scripted Reality“-Formate als Unterhaltung gekennzeichnet und nicht mehr als Information. Das mag man als kleinen Fortschritt werten. Das Problem, das zunehmende Teile des Fernsehprogramms sich die Realität nach ihren Programm- und Vermarktungsbedürfnissen zurichten, ist damit nicht erledigt. Transparenz und Selbstreflexion in den Informationsprogrammen werden jenseits aller Zahlen und Quoten immer wichtiger. Wie Information produziert wird, wo sie herkommt, welche Interessen dahinter stehen und unter welchen Bedingungen sie vermittelt wird, das ist für die Glaubwürdigkeit des Fernsehens von größter Bedeutung – der fast unkontrollierbare mediale Hype um EHEC ist dafür das jüngste und sicher nicht das letzte Beispiel.
Die Printfassung der Studie von Fritz Wolf: „Wa(h)re Information – Interessant geht vor relevant“ kann jetzt elektronisch bestellt werden.
Volker Herres, Programmdirektor Erstes Deutsches Fernsehen, weist die Behauptungen die in der Studie "Wa(h)re Information - Interessant geht vor relevant" der OBS und des netzwerk recherche aufgestellt werden, entschieden zurück." Die Pressemitteilung erschien am 07.07.2011 über www.presseportal.de
Die Otto Brenner Stiftung reagiert in folgender Pressemitteilung auf Herres Kritik.